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Georg Hanssen (1809 - 1894)

Professor für Politische Ökonomie und Statistik
* 31.05.1809 Hamburg
† 19.12.1894 Göttingen
Verleihung am 21.12.1841

Georg Hanssen
Georg Hanssen
Abb.: Eckardt S. 345 

Georg Hanssen war der erste Ehrenbürger Kiels. In der Urkunde vom 21. Dezember 1841 heißt es:

„Die See- und Handelsstadt Kiel erteilt dem Professor der Statistik und Kameralwissenschaften an der Landesuniversität daselbst, Doktor der Philosophie Herrn Georg Hanssen in öffentlicher Anerkennung seiner auch in Kommunalbeziehungen bewiesenen tatkräftigen und aufopfernden Wirksamkeit für gemeinnützige Zwecke, insbesondere für eine holsteinische Eisenbahn, das Ehrenbürgerrecht der Stadt Kiel auf einstimmigen Beschluss von Bürgermeister und Rat und gesamter deputierter Bürgerschaft dieser Stadt“. Professor Hanssen war damals 32 Jahre alt.

Er wurde am 31. Mai 1809 in Hamburg geboren und besuchte dort das Johanneum. 1927 studierte er in Heidelberg Kameralistik, Polizeiwissenschaft, Nationalökonomie und Landwirtschaftslehre, seit 1829 an der Universität Kiel. Hier promovierte er 1831. 1833/34 war Hanssen Privatdozent in Kiel, von 1834 bis 1837 Kammersekretär der deutschen Abteilung des General-Zollkammer- und Kommerzkollegiums in Kopenhagen. 1837 kehrte er nach Kiel zurück und wurde ordentlicher Professor für Nationalökonomie und Statistik.

Befürworter der Eisenbahnlinie von Altona nach Kiel

Hanssen war als Professor kein abstrakter Theoretiker, sondern ein Nationalökonom, der sich an der Praxis orientierte und sich für die Beseitigung von Notständen interessierte. Auf drei Gebieten engagierte er sich: für das Armenwesen, für die Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten durch Industrialisierung und als Voraussetzung für beides für die Verkehrserschließung. Er wurde Mitglied der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde und übernahm das Amt eines Armenpflegers.

Nachdem die erste Eisenbahnlinie in England 1825 und in Süddeutschland 1835 eingerichtet worden war, gab es auch in Schleswig-Holstein Befürworter des modernen, schnellen und leistungsfähigen Verkehrsmittels. Die Anregung für den Bau einer Eisenbahn durch Schleswig-Holstein von Hamburg nach Lübeck kam von einem Lübecker Kaufmann.

Aber der dänische König versagte seine Zustimmung und beauftragte eine Kommission, die Wirtschaftlichkeit einer Eisenbahn in Schleswig-Holstein zu prüfen. Das Ergebnis war, dass es weder ein wirtschaftliches noch ein militärisches Bedürfnis für eine Eisenbahn in Holstein gebe. Außerdem würden von dieser Eisenbahnlinie nur die beiden Hansestädte profitieren, was nicht im Interesse Dänemarks liege. 1837 änderte der dänische König seine Meinung dahin gehend, wenn eine Eisenbahn in Schleswig-Holstein entstehen solle, dann von Hamburg oder Altona zur Ostseeküste nach Kiel oder Neustadt. Außerdem solle das Unternehmen nicht auf Staatskosten ausgeführt werden.

In Kiel befürchtete man, dass die Interessen der Stadt bei einer Linienführung Neustadt-Segeberg-Altona zu kurz kämen. Deshalb wurde am 30. August 1839 eine Versammlung angesehener Personen der Stadt einberufen. In Altona bildete sich 1840 ebenfalls ein Komitee zu Förderung des Eisenbahnbaus. Beide Gruppen schlossen sich zusammen, um eine Realisierung der Strecke Kiel-Altona zu erreichen.

Professor Hanssen erhielt den Auftrag, ein Gutachten über Rentabilität und Streckenführung der Bahn zu erstellen. Um die Verkehrsverhältnisse zu ermittlen bereiste er Schleswig-Holstein, untersuchte Städte und Landstriche, wo er Beamte, Kaufleute, Fabrikanten und Gutsbesitzer befragte. Das Ergebnis seiner Untersuchungen waren 1840 zwei Denkschriften, die nicht unter seinem Namen erschien, sondern unter dem des vereinigten Altonaer und Kieler Eisenbahnkomitees. In dem ersten Gutachten mit dem Titel:“Holsteinische Eisenbahn. Ausmündung an der Ostsee. Kiel oder Neustadt?“ kommt Hanssen zu folgender Feststellung: “Es gibt sicherlich nicht viele Häfen in Europa, welche der Schifffahrt mehr Sicherheit und größere Bequemlichkeit darbieten als Kiel. Sowohl der ganze Meerbusen als insbesondere der eigentliche Hafen sind von der Natur mit allen Vorzügen ausgestattet, die nur immer von einem guten Seehafen erwartet werden können. ... Wo ist irgend ein anderer Punkt zu finden, welcher im Stande ist, den Norden und den Süden, den Osten und den Westen des Landes miteinander und alle Landesteile mit Hamburg und dadurch den ganzen Staat mit dem südlichen und westlichen Europa zu verbinden als Kiel?“ Die Vorteile biete Neustadt nicht.

Hanssen verglich außerdem die Einwohner der beiden Städte und ihrer Umgebung und kam zu dem Verhältnis von 3:2 für Kiel gegenüber Neustadt. Hinzu kam, dass Kiel im Transithandel zwischen Dänemark und Hamburg eine wichtige Rolle spielte. Der Handel mit Butter, Käse, Fleisch und Getreide war seit dem Bau der Chaussee Kiel-Altona erheblich gewachsen. Auch die Schifffahrt hatte sich in Kiel belebt. Abschließend urteilt Hansen: „Wenn nun Obigem zufolge Einfuhr, Ausfuhr, Spedition, Schifffahrt, Zollintraden und Personenverkehr in wenigen Jahren in Kiel sich verdoppelt und verdreifacht haben, so wird schwerlich von irgendeiner Seite in Abrede gestellt werden können, dass diese Stadt auf dem besten Wege sei, als Handelsplatz und Mittelpunkt des Verkehrs im Lande rasch sich empor zu arbeiten.“

In dem zweiten Gutachten mit dem Titel: „Endpunkte Altona und Kiel“ befürwortet Hanssen die Route der Bahn über Pinneberg, Barmstedt, Neumünster, Kiel. Andere bevorzugten eine östliche Trasse über Segeberg, Preetz bis Gaarden. Hanssen berechnete den Warentransport und den Personenverkehr auf der westlichen Route von Altona nach Kiel und kam zu dem Ergebnis, dass sich der Warentransport von 650 000 Zentner auf eine Millionen erhöhen, der Personenverkehr sich von 54 000 Personen auf 160 000 steigern werde.

Die Untersuchungen von Hanssen waren überzeugend. Die Westroute wurde gewählt, und zwar noch etwas weiter westlich, dass Elmshorn noch erfasst wurde. Der Eisenbahnbau begann 1843, 1844 wurde die Bahn eingeweiht.

Hanssen hatte sich in seiner Rentabilitätsberechnung nicht geirrt. Schon im ersten Jahr beförderte die Bahn Kiel-Altona mehr als 370 000 Personen und 1,2 Mio Zentner Güter. Zwischen 1845 und 1865 nahm der Gütertransport auf dieser Eisenbahnlinie um das 3,2 fache, die Personen- und Gepäckbeförderung um das 1,6 bzw. 5,8 fache zu. Die Transportkosten  waren auf ein  Zehntel der Kosten mit Pferdefuhrwerken gesunken.

Der Ehrenbürger verlässt Kiel

Wegen politischer Differenzen mit der dänischen Regierung verließ Hanssen Kiel. Glücklich fügte es sich für ihn, dass er zur gleichen Zeit einen Ruf an die Leipziger Universität erhielt, den er sofort annahm.

Die Kieler empfanden seinen Weggang als Verlust. Auf einem Abschiedsessen erhielt er einen Ehrenpokal, und Rat und Bürgerschaft ernannten ihn wegen seiner Leistungen für Kiel zum Ehrenbürger. Auch Hanssen wurde der Abschied schwer. Die Beziehungen zwischen ihm und der Stadt blieben ein Leben lang erhalten. Seit 1906 trägt die Hanssenstraße in der Wik seinen Namen.

Von 1842 bis 1848 war Hanssen Professor in Leipzig, folgte 1848 einem Ruf nach Göttingen, ging 1860 nach Berlin und 1969 nach Göttingen in seine dortige Professur zurück. 1884 ließ er sich aus Altersgründen emeritieren. Georg Hanssen starb 1894 in Göttingen. Er hatte vielfältige wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht, u. a. die „Historisch-statistische Darstellung der Insel Fehmarn“ (1832), „Das Amt Bordesholm im Herzogtum Holstein" (1842) und mehrbändige Agrarhistorische Abhandlungen (1880-1884).


Autorin: Christa Geckeler
Stadtarchiv Kiel

Quellen

  • Stadtarchiv Kiel, Akte Nr. 3194: Verleihung des Ehrenbürgerrechts an den Professor Dr. Georg Hanssen
  • Hanssen, Georg (anonym): Holsteinische Eisenbahn I. Ausmündungspunkt an der Ostsee: Kiel oder Neustadt? Kiel 1840
  • Hanssen, Georg (anonym): Holsteinische Eisenbahn II. Endpunkte Altona und Kiel. Warentransport und Personenverkehr, Kiel 1840

Literatur

  • Deng, Ying: Entstehungsgeschichte der Eisenbahn Kiel-Altona, in: 1000 Jahre Verkehrswege in Schleswig-Holstein, der Minister für Wirtschaft, Technik und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein, Dokumentation, Kiel 1996, S. 103-113
  • Feldmeier, Hans: Die Eisenbahn in Kiel, Freiburg 1980, S. 6-10
  • Eckardt, Heinrich: Alt-Kiel in Wort und Bild, Kiel 1899.
  • Haas, Walter: Bestrebungen und Maßnahmen zur Förderung des Kieler Handels in Vergangenheit und Gegenwart (1242-1914), in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 31, Kiel 1922, S. 171-184
  • Hermann Hanssen (Hg.): Lebenserinnerungen des Agrarhistorikers Georg Hanssen, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Band 40, Leipzig 1910, S. 2- 180
  • Karich, Christoph: Die Altona-Kieler Eisenbahn. Planung–Bau–Folgen, Diplomarbeit, Universität der Bundeswehr München 1991, Stadtarchiv Kiel
  • Schaer, Friedrich-Wilhelm: Hanssen, Georg, in: Schleswig Holsteinisches Biographisches Lexikon, Band 3, Neumünster 1974, S. 132-135
  • Kieler Nachrichten vom 28. August 1950, vom 26. Mai 1959, vom 30. Mai 2009
  • Kieler Zeitung vom 13. Mai 1909