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Helene Grünig

Helene Grünig (Foto: Familienbesitz)*
Helene Grünig (Foto: Familienbesitz)*

Geboren am 10. Januar 1871 in Neusalz/Schlesien.*

Helene Grünig gehört zu den ersten engagierten Frauen Kiels, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts für das Wahlrecht und die politische Versammlungsfreiheit für Frauen kämpfen. Als erste Vertrauensperson der illegalen Gaardener Frauenversammlung und später auch als Referentin auf den jährlichen Frauentagskongressen setzt sie sich unbeirrt für die politische und soziale Gleichstellung der Frau ein.

Leider ist weder über ihre Kindheit noch über ihr Leben nach dem ersten Weltkrieg viel bekannt. Sie kommt als Tochter des schlesischen Oderschiffers und heimlichen Sozialdemokraten Leberecht Piefke zur Welt und heiratet Rudolf Grünig, den einzigen weiteren Sozialdemokraten im näheren Umkreis. Zusammen ziehen sie nach Kiel, wo sie sich bessere Arbeit erhoffen.*

Helene Grünig nimmt noch zur Zeit des sogenannten Sozialistengesetzes an illegalen Sozialistentreffen in Gaarden teil und organisiert sich in der bis 1890 verbotenen Arbeiterbewegung. Zu dieser Zeit ist es Frauen verboten, an politischen Versammlungen teilzunehmen, politische Veranstaltungen zu initiieren, geschweige denn Mitglied einer Partei oder eines politischen Vereins zu sein.

Helene Grünig tritt zunächst dem 1896 gegründeten Bildungsverein für Mädchen und Frauen bei und wird dessen Kassenrevisorin. Später schließt sie sich der illegalen Frauengruppe Gaarden an, die sie 1905 zur ersten Vertrauensperson der Gaardener Frauenversammlung wählt. Da die preußische Polizei Frauenvereinigungen landesweit verfolgt, scheint es ratsam, sich anderer Organisationsformen (z. B. über Vertrauenspersonen) zu bedienen. Berlin ist Treffpunkt dieser Vertrauenspersonen, die aus vielen Städten des Landes kommen, um sich auszutauschen und zu koordinieren. Helene Grünig nimmt als Delegierte an den Berliner Versammlungen teil und beruft ihrerseits alle vier bis sechs Wochen eine öffentliche Frauenversammlung in Gaarden ein. (Die Gemeinden Klösterlich Gaarden und Fürstlich Gaarden werden erst in den Jahren 1907 bzw. 1910 zur Stadt Kiel eingemeindet und gelten bis dahin als selbstständige Bezirke.) In einem Interview mit Gertrud Völcker berichtet Helene Grünig, dass es damals Vorschrift gewesen sei, die Versammlungen drei Tage vor Beginn bei der Polizei anzumelden, außerdem ein bis zwei behelmte Polizisten zur Überwachung beiwohnen zu lassen, um staatsgefährdende Äußerungen und Einflüsse zu verhindern.
 
Im Jahre 1905 findet eine besondere öffentliche Frauenversammlung in Gaarden statt: Luise Zietz aus Hamburg, Vertrauensperson der Hamburger Sozialdemokratinnen sowie populäre und erfolgreiche Agitatorin der sozialdemokratischen Frauenbewegung, referiert und wirbt für die Gleichheit, die 1892 von Clara Zetkin gegründete sozialdemokratische Frauenzeitschrift. Noch auf dieser Versammlung melden sich 180 Frauen als Abonnentinnen und Wiederverkäuferinnen. Im Winter 1907 lernt Helene Grünig Rosa Luxemburg kennen und schätzen, als diese in Kiel und in Gaarden auf den Frauenversammlungen referiert.

Trotz des bestehenden politischen Betätigungsverbotes treiben Helene Grünig und ihre Genossinnen die Beteiligung von Frauen am öffentlichen politischen Leben voran und werben weiter für sozialdemokratische Mitgliedschaft. Als am 1. Oktober 1908 das im Vereins- und Versammlungsgesetz verankerte Verbot endlich aufgehoben wird, d.h. auch Frauen Mitglied in politischen Vereinen und Parteien werden dürfen, tritt Helene Grünig noch am selben Tag zusammen mit dreihundert Frauen aus Gaarden dem sozialdemokratischen Verein bei. In diesem Rahmen engagiert sie sich kontinuierlich für die Erlangung des Frauenwahlrechts und die Frauenwählbarkeit.

1910 nimmt Helene Grünig am Zweiten Internationalen Frauenkongress der Sozialistinnen in Kopenhagen teil, der auf Initiative von Clara Zetkin beschließt, einen jährlich stattfindenden Internationalen Sozialistischen Frauentag für die Interessen der Frauen gegen Ausbeutung und Unterdrückung auszurufen. Von dieser internationalen sozialistischen Frauenbewegung gehen wertvolle Impulse für die Erringung politischer und sozialer Gleichstellung aus. Der erste Internationale Frauentag findet am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Millionen von Frauen beteiligen sich. Bei den parallel zum Internationalen Frauentag jährlich stattfindenden Frauentagskongressen tritt Helene Grünig bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Referentin auf.

Bis 1921 wird der Internationale Frauentag jährlich an unterschiedlichen Tagen zwischen Ende Februar und Ende April begangen. Seit 1922 findet er weltweit am 8. März statt.

Frauenkonferenz der SPD in Kiel 1927 (Foto: Stadtarchiv Kiel)
Frauenkonferenz der SPD in Kiel 1927 (Foto: Stadtarchiv Kiel)

Der Kampf gegen Unterdrückung und Ungleichheit, auch innerhalb der eigenen Partei, kostet die aktiven Frauen viel Kraft und Einsatz. Privat müssen sie mit wenig Geld hauswirtschaften, meist zum Lebensunterhalt dazuverdienen, die Familie versorgen und nicht selten viele Kinder großziehen. Helene Grünig ist Mutter von sechs Kindern.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bringt eine Schwerpunktverlagerung der politischen Frauenarbeit in den sozialen Bereich mit sich. Helene Grünig nimmt an den von bürgerlichen Frauen organisierten Kriegskochkursen teil. Mit wenigen Mitteln wird für die Allgemeinheit gekocht, zu einem späteren Zeitpunkt kommt die Betreuung der Soldatenfrauen hinzu. Helene Grünig bezeichnet vor allem die Kriegskochkurse als „die ersten Anfänge der Frau in der Öffentlichkeit“. Leider ist über den weiteren Lebenslauf Helene Grünigs, einer Persönlichkeit der ersten Generation im Einsatz für das politische Mitspracherecht von Frauen, nichts bekannt. Wie bei vielen Frauen dieser Zeit, steht auch für sie das eigene Schicksal im Hintergrund.

Sie stirbt am 13. Mai 1965 in Kiel im Alter von 95 Jahren.

 

(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)

 

*Informationen und Foto erhielten wir 2011 von ihrer Enkelin Marta Sakmirda. Kopien der Unterlagen befinden sich im Kieler Stadtarchiv.